Hygge -Biedermeier aus Skandinavien oder: Probier’s mal mit Gemütlichkeit

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Hygge ist das große Trendthema im Moment, bedeutet aber nichts anderes als der geordnete Rückzug ins Private, ein Hoch auf die Gemütlichkeit und ist somit ein alter Hut. Oberstes Gebot: Bei einem gemütlichen Abend mit Freunden darf nicht über Politik geredet werden. Stattdessen trinkt man Glögg, isst gut und viel, kuschelt sich in Wolle und zündet ein paar Kerzen an. Natürlich alles aus Naturmaterialien und selbst gemacht. Und auch wenn Probleme nicht verschwinden, wenn man sie ignoriert, kann es gut tun, mal eine Auszeit von der wuseligen Welt zu nehmen und sich auf Familie, Freunde und Gemütlichkeit zurückzubesinnen. Ich bin mal ganz böse und nenne es schlicht und ergreifend vorweihnachtlicher Biedermeier. Und das nicht nur weil das klassische Weihnachtsfest mit Bäumchen, Liedern und Bescherung eine Erfindung dieser Epoche ist. Sondern weil der Biedermeier, ähnlich wie Hygge, für das häusliche Glück des gehobenen Bürgertums in den eigenen vier Wänden steht. Und da das meiner momentanen Gefühlslage entspricht, gibt es in loser Folge die wichtigsten Tipps für Hyyge bzw. Biedermeier-Heimeligkeit. Worum geht es nun generell bei Hygge?

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Abends wird das gemütliche Licht angemacht, eine Räucherkerze und die Kerzen angezündet. Dann sieht man die Krümel unterm Esstisch nicht mehr und die Fingertappsen auf den Fenstern fallen auch nicht mehr auf. Bei Abendessen liest Mama oder Papa Pünktchen und Anton vor und die Kinder sind eeeentspannt. Es gibt jeden Tag einen schnellen Punsch aus Früchtetee und Streuobstwiesenapfelsaft, Stollen aus Dresden, selbstgebackenes Brot, Bratäpfel und von der Oma gebackene Spekulatius. Meine Lieblingskashmirpullis fusseln leise vor sich hin und mein Mann läuft sowieso nur noch im Bademantel herum. Der ist neu, aus Frottee und sieht ein bisschen nach englischem Lord aus. Da passen auch die englischen Flanellschlafanzüge sehr gut dazu, so dass mein Sohn mehr nach Eton als nach Staatsschule aussieht.

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Ja und sogar Kerzen gibt es wieder in unserem Haus. Die waren jahreslang abgeschafft, weil sie in ungünstigem Verhältnis zum Sauerstofftank in unserem Schlafzimmer standen. Den braucht unsere Tochter gottseidank nicht mehr und da sich somit die Feuergefahr auf ein erträgliches Niveau reduziert hat, zündeln wir wie die Weltmeister.

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Besonders gemütlich weil duftig sind Bienenwachskerzen. Zwei davon dürften meine Kinder auf dem Bazar der Walddorfschule selber ziehen. Ich saß vor dem Raum, in dem andächtige Stille und Dunkelheit herrschte und wunderte mich, wo meine Kinder denn bleiben. Kerzen ziehen ist eine sehr spirituelle Angelegeneheit, zumindestens bei Anhängern Rudolf-Steiners und d a u e r t.

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Ich, vor meinem Traumhaus, mit meinem Lieblingshaustier, dem Babyfuchs.

Das Ergebnis entzückt. Derartige Gemütlichkeit ist unsere Auszeit von all dem muffig-doofen Alltagsdingen, die nun mal sein müssen aber keinen Spaß machen. Außerdem kann man herrlich die Augen verschließen vor den Unzulänglichkeiten der Welt, den durchgeknallten Staatschefs, den Schrecken der Kriege, den Rüstungsexporten und der Infantilisierung der Welt. Und so verharren wir in  gemütlicher Starre, hoffend, dass die Außenwelt nicht eines Tages an unsere Tür klopft und Einlass begehrt. Also, liebe Menschen lassen wir jederzeit gerne ein. Aber Grantler, Bullies und Knallis dürfen draußen bleiben.

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